Eine Fabel-hafte Urlaubsgeschichte

Hat uns Novak ein Buch ohne Bilder präsentiert, schenkt uns David Wiesner eines ohne Text. Ganz ohne Worte ist dies trotzdem ein anspruchsvolles Buch. Keines für die Kleinsten (wie „Klopf an!“), sondern eines, dessen komplexe Geschichte entdeckt werden will. Stück für Stück, Seite für Seite, Bild für Bild. Und die sich in all ihren Details erst beim 100. Mal Ganz-genau-Ansehen und Sich-gegenseitig-Erzählen voll entfaltet.


David Wiesner: Strandgut

© 2013 Aladin Verlag GmbH, Hamburg


Schon das Titelbild gibt Rätsel auf: WAS ist das? Sicher, es schwimmen ein paar Fische vorbei. Doch was ist das Runde in der Mitte? Erst im Verlauf des Buches wird sich dieses Rätsel auflösen. Eines von vielen.

Die detailreichen, ästhetischen Zeichnungen von David Wiesner führen uns an einen Strand, an dem ein Junge, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, Urlaub mit seinen Eltern zu machen scheint. Er entdeckt eine geheimnisvolle Unterwasserkamera, deren Bilder er entwickeln lässt. Sie entführen uns in ein faszinierendes Universum unter dem Meer. Wie es zu den Bildern kommt, woher die Kamera stammt – das zu ergründen weckt den detektivischen Spürsinn des Jungen und unseren gleich mit dazu.

Allein die Bilder fesseln die Aufmerksamkeit des Betrachters ungemein. Der Einsiedlerkrebs in „Großaufnahme“, das durch die Lupe riesig erscheinende Auge oder wie das Mikroskop durch die sandsichere Zip-loc-Tüte schimmert – all das zeigt, mit wieviel Hingabe Wiesner jede einzelne Buchseite gestaltet hat. Und dabei immer auf Kinder-Augenhöhe bleibt. Die Erwachsenen? Eher Randerscheinungen. Sie ahnen gar nicht, was für spannende Entdeckungen der Junge macht!

Auch ohne Text, also ohne vorgegebene Sprache, regt dieses Buch alle Betrachter zum Reden an. Tausend Dinge wollen entdeckt und benannt werden: was um alles in der Welt sind das für Gegenstände ganz zu Beginn des Buches? Offensichtlich welche, die der Junge am Strand gefunden hat: ein Seestern, ein Schlüssel, ein Pfirsich?-Kern, eine Frucht von einem Baum – ja aber von welchem? Hier ist ein gut sortierter Wortschatz gefragt, ein Auf-die-Suche-Gehen, ein Nachfragen, ein Wecken-von-eigenen-Urlaubserinnerungen...

Der Sammlerdrang des Jungen im Buch offenbart sich durch eben diese Gegenstände, sein Forscherdrang durch seine Strandausstattung: Mikroskop, Lupe, Fernglas. Alles hat er dabei. Doch was genau macht man eigentlich damit? Auch hier stehen wieder Wortschatz und Semantik, also die zugrundeliegenden Bedeutungen im Vordergrund.

Vor allen Dingen aber regt dieses Buch zum eigenen Erzählen an. Zum eigenen Entdecken der Geschichte. Dazu, Zusammenhänge selber zu erkennen, vor- und zurückzublättern, Aha-Erlebnisse gemeinsam auszukosten. Jede einzelne der Tiefsee-Szenen ist eine eigene Geschichte. Und: wie könnte das Buch noch weitergehen? Welche Fotos könnte die Unterwasserkamera noch aufnehmen? Dieses Buch ist ein herrlicher, tiefgründiger Fundus an phantastischen und phantasie-anregenden Bildern, die beschrieben, erzählt und auf eigene Weise weitererzählt werden wollen.

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