Wie eine Geschichte entsteht

Johanna im Zug

Wie ist das, wenn ein Schwein mit dem Zug fährt? Kathrin Schärer weiß es am Anfang ihres Buches auch noch nicht. Mit einem leeren Blatt beginnt sie, zeichnet zunächst einen Zug und nach und nach seine tierischen Fahrgäste.

 

 „Ich zeichne einen langen Zug, einen Zug mit vielen Wagen.

Ist das schon eine Geschichte?“

Nein, noch nicht. Aber sie entfaltet sich im Verlaufe des liebevoll, kunstfertig und detailreich gezeichneten Bilderbuchs. Dabei erweckt die Zeichnerin ihre Figuren im wahrsten Sinne des Wortes zum Leben: mit eigenen Wünschen („Du, Zeichnerin, lass es mal Abend werden“) und eigenen Fragen („Wie heiße ich eigentlich?“), die sie direkt von der Buchseite an ihre Erfinderin richten. Weiß sie keine Antwort, nimmt die sympathische Schweinedame ihr Schicksal einfach selber in die Hand. Und kommt zu dem Schluss: „Was sagst du jetzt, Frau Zeichnerin? Deine erfundenen Figuren sind schlauer als du!“


 Kathrin Schärer: Johanna im Zug. © 2009 Atlantis, Zürich


Dies ist kein starres, fertiges Buch, das perfekt vor einem liegt und brav von vorne nach hinten vorgelesen werden will. Es lässt Möglichkeiten offen, die Figuren entstehen vor unseren Augen (Soll der Fleck auf die Schulter oder auf den Po? Welches Muster soll das Hemd bekommen?) und auch die Handlung ist verhandelbar. Zurückblättern ist erlaubt, die „Was-wäre-wenn-Frage“ erwünscht und man erlebt, wie eine Geschichte sich formen lässt.

Damit ist dieses Buch ein hervorragender Ausgangspunkt, um die Kinder selber eigene Geschichten zu erfinden, eigene Erzählungen festzuhalten, vielleicht ein eigenes kleines Buch zu gestalten. Sich eine Handlung auszudenken, am Text (mit Ihrer Hilfe) zu feilen, Bilder zu entwerfen und zu verwerfen, Figuren zu erfinden – zu gestalten, umzugestalten, zu verbessern, bis sie mit ihrem eigenen Werk zufrieden sind.

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